Tintenpisser

Wir schreiben das Jahr 2032. Nach dem Zusammenbruch der internationalen Finanzmärkte hat sich schleichend Druckertinte als Hauptzahlungsmittel durchgesetzt. Jeder trägt immer eine gewisse Menge Druckertinte bei sich. Transportiert wird die Tinte oft in schicken Druckern, wobei die Drucker an sich keinen Wert haben, allenfalls als Statusobjekte, und in großen Behältern gesammelt, abtransportiert und recycelt werden. Vor jedem Haus steht mindestens ein solcher Behälter. Gedruckt wird nur zu besonderen Anlässen, etwa zu Hochzeiten oder Begräbnissen. Früher wäre ja auch fast niemand auf die Idee gekommen, seine Wohnung mit Geldscheinen zu tapezieren, Einkaufslisten darauf zu kritzeln oder sich gar den Hintern damit zu säubern. Tinte unterschiedlicher Farben variiert im Wert. So entsprechen etwa 10mg schwarzer Tinte 50.37mg Magenta, was wiederum dem Wert eines zweiwöchigen Mallorca-Urlaubs entspricht. Man kann den Wert der unterschiedlichen Tintenfarben in etwa mit der Bedeutung vergleichen, die unterschiedlich bedruckten Geldscheinen in grauer Vorzeit beigemessen wurde. Tinte ist natürlich nicht gleich Tinte. Es gibt hochwertige Tinte und minderwertige Tinte, so wie unsere Vorfahren angeblich vor der großen Währungsreform Währungen unterschiedlicher Kaufkraft besaßen. Fährt man etwa in Urlaub, so kann man in Wechselstuben sein Gläßchen hochwertiger Qualitätstinte in eine Wagenladung der dort heimischen Tinte umtauschen. Das führt übrigens dazu, dass viele Leute wieder verstärkt Urlaub im eigenen Land machen, da bislang nur wenige Hotels über die räumlichen Möglichkeiten verfügen, Stellplätze für die Tintencontainer der Touristen aus den wohlhabenden Ländern anzubieten. In letzter Zeit ist übrigens immer mehr Falschtinte im Umlauf, eine von mafiösen Tintenpanschern in Umlauf gebrachte Plörre. Allerdings verwenden die großen Tintenbanken einen Großteil ihres Budgets darauf, diese Subjekte auszuschalten. Tüftler und Alchemisten versuchen immer wieder, Druckertinte aus Stroh herzustellen. Bislang vergebens. Nicht wenige sind auf der Suche nach dem schwarzen Gold dem Wahnsinn verfallen. Die Verwendung von Druckertinte als Währung geht auf ein Traktat von Lex Mark Hapee, “die Tinte“, zurück, in dem er vorschlug, mit der Einführung von Tinte als Hauptzahlungsmittel dem kollabierten Weltmarkt wieder auf die Beine zu helfen. Und es scheint tatsächlich zu funktionieren! Es bricht wieder Wohlstand aus! In letzter Zeit sieht man immer mehr reiche Frauen mit Amuletten voll tiefschwarzer Tinte um den Hals und cyangefärbten Händen durch die Straßen promenieren. Wellness-Salons bieten sündhaft teure Bäder in kontrolliert ökologisch hergestellter Druckertinte an, eine wahre Wohltat für Haut und Haar. Aber das können sich bislang nur wenige, im Volksmund Tintenpisser genannt, leisten. Wenn ich richtig informiert bin, nannte man solche Leute früher Geldscheisser.

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